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Städtische Haiku-Sammlung

Städtische Haiku-Sammlung

Städtische Haiku-Sammlung

WriteForFun 7 Min. Lesezeit 21. Oktober 2024

Morgendlicher Arbeitsweg

U-Bahn-Türen zu —
Fremde gedrückt Schulter an Schulter,
alle meiden Blicke.

Kaffeebecher dampfend,
Zeitung schirmt müde Gesichter
von der erwachenden Welt.

Zug ruckt vorwärts,
tausend private Reisen
bewegen sich als eine Masse.

Über der Erde
fliehen Tauben vor den eilenden Füßen
der Neun-bis-Fünf.

Straßenmusikant

Violine singt laut
über des Verkehrs Donner —
Schönheit findet einen Weg.

Offener Kasten zu Füßen,
verstreute Münzen und zerknitterte Scheine
von vorbeigehenden Fremden.

Manche bleiben stehen,
die meisten eilen vorbei und tun
als hörten sie das Lied nicht.

Aber Musik bleibt,
schwebt zwischen den Gebäuden,
Gnade in Betonschluchten.

Eckladen

Vierundzwanzig Stunden,
Neonlicht wird nie dunkel —
der Stadt kleines Herz.

Mr. Kim weiß alles,
erinnert sich, was jeder braucht,
begrüßt alle beim Namen.

Späte Nacht, betrunkene Studenten
kaufen Chips und Schokoriegel,
lachen zu laut.

Frühe Morgendämmerung, alte Männer
kommen für Lottoscheine
und gestrige Nachrichten.

Feuerleiter

Zickzack-Eisenstufen
erklettern die Ziegelfassade —
inoffizielle Veranda.

Sommerabend-Hitze,
Nachbarn sitzen mit schwitzenden Bieren,
sehen dem Leben zu.

Von diesem Metallsitz
breitet sich die Stadt aus wie
eine beleuchtete Platine.

Irgendwo eine Sirene,
irgendwo Lachen, irgendwo Musik —
das städtische Schlaflied.

Graffiti-Wand

Schicht über Schicht,
Namen und Tags und Botschaften
schreien "Ich war hier!"

Farben sprühen und tropfen,
manche roh, manche transzendente Kunst,
alle beanspruchen Territorium.

Die Stadt-Leinwand
malt sich jede Nacht neu —
nichts Permanentes.

Doch etwas bleibt,
der Puls junger wütender Herzen
verlangt gesehen zu werden.

Dachgarten

Zehn Stockwerke hoch,
Tomaten wachsen in Beton —
grünes Wunder blüht.

Mrs. Chen pflegt Pflanzen
mit Stadterde unter Nägeln,
erinnert sich an Felder.

Bienen finden das irgendwie,
navigieren Stahl- und Glasschluchten
um diese Blumen zu erreichen.

Hier behauptet sich Leben,
weigert sich, überpflastert zu werden,
wächst trotz allem.

Nachtschicht-Diner

Drei Uhr nachts, das Diner
glüht wie ein Leuchtfeuer für verlorene
Seelen und Wanderer.

Kaffee hört nie auf,
Kellnerin kennt die Stammgäste
an ihren gewohnten Bestellungen.

Krankenschwester vom Hospital,
Trucker auf Durchreise durch die Stadt,
Student beim harten Pauken —

Alle finden Zuflucht hier,
in der Demokratie von
nächtlichen Rühreiern.

Straßenecken-Prediger

Stimme zum Himmel erhoben,
Bibel hoch gehalten wie eine Fackel —
Gemeinde: keine.

Doch noch predigt er,
Worte kaskadieren über Menschenmengen
die nicht langsamer werden.

Vielleicht erfordert Glaube
diese Art starrköpfigen Mutes,
ins Nichts sprechen.

Oder vielleicht weiß er,
dass eine Seele innehalten und hören könnte
die für sie bestimmte Botschaft.

Hundeführer

Sechs Leinen verwickelt,
sechs verschiedene Richtungen gezogen —
choreographiertes Chaos.

Chihuahua und Mastiff,
Pudel und Pitbull gehen
in Demokratie.

Der Führer kennt jeden:
welcher zieht, welcher schüchtern ist,
welcher bei jedem Baum anhält.

Für zwanzig Dollar
gibt sie einsamen Hunden ein Rudel,
einsamen Besitzern Frieden.

Fensterputzer

Aufgehängt in der Luft,
baumelnd zwischen Erde und Himmel —
lassen Wolken verschwinden.

Gummilippen-Striche enthüllen
Reflexionen von reflektierten
Gebäuden ohne Ende.

Sie sehen in Leben hinein,
von denen andere glauben, sie seien privat —
Büroaffären, Tränen.

Schutzengel
in Gurten und Schutzhelmen,
polieren den Himmel.

Letzter Zug nach Hause

Leere Waggons rasseln
durch die schlafenden Stadtstraßen —
Geisterzug trägt Geister.

Betrunkenes Mädchen schläft auf Sitz,
ein Schuh fehlt, Handtasche fest umklammert,
träumt nüchterne Träume.

Junges Paar küsst sich,
vergesslich der Welt,
der zusehenden Fremden.

Die Stadt atmet langsam,
sammelt Kraft für den Morgen
wenn alles wieder beginnt.

Stadtregen

Erste Tropfen treffen Beton,
setzen den Geruch von Staub frei
und städtischen Sommern.

Regenschirme blühen plötzlich,
ein bewegender Garten aus Schwarz
und gelegentlichem Rot.

Rinnen fließen mit Bächen
tragen Zigarettenstummel,
Blätter, Lottostubs.

Die Stadt wird sauber gewaschen,
wenigstens bis der Regen aufhört
und der Schmutz zurückkehrt.

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